Nachhaltiges Unternehmenshandeln im globalen Süden

Updated: 20 hours ago

Was tun kleine und mittelgrosse Unternehmen (KMU) aus der Schweiz, um in Schwellen- und Entwicklungsländern nachhaltig zu wirken? Wie könnte der Bund sie in diesen Bemühungen (noch) besser unterstützen? Im Rahmen eines Forschungsprojekt hat das Global Compact Network Switzerland & Liechtenstein (GCNSL) mit fünf KMU sowie VertreterInnen von Bund, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft an einem Stakeholder-Dialog zu diesen Fragen teilgenommen. Antonio Hautle vom GCNSL und Dr. Alex Gertschen von der Universität Bern, einer der Moderatoren des Dialogs, fassen die wichtigsten Erkenntnisse zusammen.




Einleitung von Antonio Hautle


Grosse transnationale Unternehmen sehen sich vermehrt in der Pflicht, soziale und ökologische Nachhaltigkeit in ihren Geschäftsmodellen zu verankern. Insbesondere richten sie diese vermehrt an der Agenda 2030 und den 17 Nachhaltigkeitszielen (SDGs) der Vereinten Nationen aus. Der UN Global Compact fördert und unterstützt diese Prozesse seit gut zwanzig Jahren.


Eine unserer grössten Herausforderung ist die Einbindung kleiner und mittelgrosser Unternehmen (KMU). Diese sehen sich einerseits mit den neuen Anforderungen von Gross- und Endkunden bezüglich verschiedener Nachhaltigkeitskriterien konfrontiert. Andererseits sind sie noch wenig mit den Fragestellungen vertraut und verfügen oft weder über das nötige Wissen noch die Ressourcen.


Vor besonderen Herausforderungen stehen KMUs, wenn sie in sogenannt fragilen oder vulnerablen Kontexten in Entwicklungs- oder Schwellenländern aktiv sind oder werden wollen. Gleichzeitig könnte und sollte die Präsenz von KMU an solchen Orten einen wichtigen Beitrag zum Fortschritt und zur Umsetzung der Agenda 2030 leisten. Auch die DEZA will deshalb vermehrt mit KMU zusammenarbeiten. Schliesslich sind es überall kleinere Unternehmen, die am meisten Arbeitsplätze anbieten und damit das Rückgrat der Volkswirtschaften bilden.


Was tun und brauchen KMU aus der Schweiz, um ihren Beitrag zu Fortschritt und nachhaltiger Entwicklung zu leisten? Im Rahmen eines Stakeholder-Dialogs wurden diese Fragen aufgegriffen. Wir erachten es als wichtig, in unserem Blog die ersten Resultate dieses Dialogs unseren Mitgliedern und einer weiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.


Wir werden die Thematik im Rahmen des Global Compact Network Switzerland&Liechtenstein weiterverfolgen. Und wir freuen uns auf Rückmeldungen und Anregungen, wie wir die Thematik zusammen mit Bund, Politik und Zivilgesellschaft weiterverfolgen und unsere KMU kompetent unterstützen können.



Zusammenfassung von Alex Gertschen


Link zum Bericht über den Stakeholder-Dialog

Link zum Video über den Stakeholder-Dialog


Die Erkenntnisse aus dem Stakeholder-Dialog – die aufgrund der Methodik exemplarisch und hypothesenartig sind, nicht repräsentativ –, lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Was tun KMU aus der Schweiz, um in vulnerablen Kontexten in Schwellen- und Entwicklungsländern nachhaltig zu wirken?

  1. Die Praxis hängt von der Branche und dem lokalen Kontext ab. Informatikunternehmen, die sich in Schwellenländern auf Arbeitsmärkten mit relativ gut ausgebildeten und bezahlten Arbeitnehmern bewegen, haben eine andere Wahrnehmung und entsprechend eine andere Praxis als Unternehmen, die in vulnerablen Kontexten tätig sind. Erstere handeln nachhaltig, um auf dem Arbeitsmarkt attraktiv zu sein. Letztere sind sowohl in der Eigen- als auch der Fremdwahrnehmung «starke» Akteure, die aus Gründen der Moral und der lokalen gesellschaftlichen Akzeptanz («licence to operate») nachhaltig handeln müssen.

  2. Die Praxis hängt von den Ressourcen und der Stellung des Unternehmens in der Wertschöpfungskette ab. Je mehr Ressourcen oder je einflussreicher die Position gegenüber vor- oder nachgelagerten Akteuren in der Wertschöpfungskette, umso eher orientieren sich Unternehmen an nachhaltigen Zielen.

  3. Lokale Partnerschaften sind unabdingbar. KMU müssen vor Ort mit unterschiedlichen Akteuren kooperieren – einerseits um zu verstehen, was nachhaltiges Handeln im betreffenden Kontext bedeutet, andererseits für die Ressourcen und Kompetenzen zur Umsetzung.

  4. Private Standards und Zertifikate sind wichtige Instrumente, um sich von nicht-nachhaltig operierenden Unternehmen abzuheben. Es mangelt jedoch oftmals an Transparenz, Kohärenz und Qualitätssicherung, damit KMU das Konsumentenverhalten effektiv beeinflussen und somit Anreize bekommen, um nachhaltige(re) Produkte und Dienstleistungen anzubieten.


Wie könnte der Bund sie in diesen Bemühungen (noch) besser unterstützen?

  1. Der Bund kann für die Bereitschaft und Fähigkeit der KMU zu nachhaltigem Handeln sowohl vor Ort als auch mittels der Rahmenbedingungen des Heimmarktes eine positive Rolle spielen.

  2. Für die Unterstützung vor Ort sind Auslandvertretungen entscheidend. Probleme im Bereich nachhaltigen Handelns involvieren zumeist eine Mehrzahl von Stakeholdern, weshalb konkrete Lösungen (auch) der gesellschaftlichen Reputation und Netzwerke bedarf. Auslandvertretungen verfügen darüber eher als KMU. Deshalb wünschen sich KMUs eine verstärkte Präsenz und Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Bundesvertretern vor Ort.

  3. Die Rahmenbedingungen im Heimmarkt Schweiz sollte nachhaltiges Handeln auf verschiedenen Ebenen fördern. Beispiele: Sensibilisierungsmassnahmen, Nachhaltigkeitsstandards im Beschaffungswesen, Nachhaltigkeitsvorgaben in Handelsabkommen oder Steueranreize. Insbesondere sollte der Bund stärker und gesamtheitlicher als bisher die Qualität, Transparenz und Kohärenz von Standards und Zertifikaten fördern bzw. sicherstellen, auch indem er staatliche Anreize mit ausgewogenen Nachhaltigkeitskriterien verknüpft und allenfalls private Standards mit hoher Qualität empfiehlt oder verbindlich vorgibt.


Hintergrund und Bedeutung des Stakeholder-Dialogs: Der Dialog ist von drei Forschenden der Universität Bern im Auftrag der Kommission für Forschungspartnerschaften mit Entwicklungsländern der Schweizerischen Akademie der Naturwissenschaften durchgeführt worden. Seine Bedeutung gewinnt er aus folgenden Gründen:

  • Der Druck auf Unternehmen, einen (grösseren) Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung zu leisten nimmt sowohl in der Schweiz als auch auf internationaler Ebene zu. Das bedeutet, dass sie nicht nur zur Erreichung ökonomischer, sondern auch sozialer und ökologischer Ziele beitragen sollen («triple bottom-line»).

  • Unternehmen, die diesen Ansprüchen nicht gerecht werden, büssen zunehmend an gesellschaftlicher Legitimität ein. Zwar ist wissenschaftlich nicht gesichert aber plausibel, dass sich dadurch langfristig auch ihre Wettbewerbsfähigkeit verschlechtert.

  • In vulnerablen Kontexten gibt es ausgeprägte Probleme bzgl. Gewalt, Rechtsstaatlichkeit (Justiz und Institutionen) sowie volkswirtschaftlichen Grundlagen (Armut, Arbeitslosigkeit, etc.). Oft ist die Anpassungs- und Widerstandsfähigkeit gegenüber äusseren Veränderungen schwach. Nachhaltiges unternehmerisches Handeln ist in solchen Kontexten besonders komplex und anspruchsvoll. Aus Schweizer-Perspektive erschweren kulturelle Unterschiede in Entwicklungs- und Schwellenländern des globalen Südens die Arbeit von KMUs zusätzlich.

  • Der Druck zu nachhaltigem Handeln nimmt für kleine (10-49 Mitarbeitende) und mittelgrosse Unternehmen (50-249 Mitarbeitende) zu. Das ist aus Schweizer-Perspektive in dreifacher Hinsicht relevant. Erstens machen KMUs nur 10 Prozent aller Unternehmen aus, doch entfallen 40 Prozent aller Beschäftigten auf sie. Zweitens erwirtschaften Firmen 38 Prozent (kleine) bzw. 47 Prozent (mittelgrosse Unternehmen) ihres Einkommens auf ausländischen Märkten. Drittens sind KMU primär im angrenzenden, kulturell vertrauteren Ausland tätig sind. Eine wachsende Zahl expandiert aber in einem schnellen und «opportunitätsgesteuerten Prozess» auch oder nur auf andere Kontinente, also auch in vulnerable Kontexte.

  • Grosse transnationale Unternehmen sind seit langem dem öffentlichen Druck ausgesetzt, in Entwicklungs- und Schwellenländern verantwortlich und nachhaltig(er) zu handeln. Während sie in den letzten Jahren entsprechende Kompetenzen aufgebaut und Ressourcen eingesetzt haben, stehen KMU oftmals erst am Anfang dieser Entwicklung.

  • Aufgrund der enormen Bedeutung der KMUs für die schweizerische Volkswirtschaft und ihrer geringeren Ressourcen wünschen sich die im Projekt beteiligten Stakeholder, dass der Bund Mitverantwortung übernimmt und die KMU mit geeigneten Rahmenbedingungen, Massnahmen und Projekten in der Bewältigung der diversen Aufgaben im Bereich der Nachhaltigkeit unterstützt.